Wipperau-Kurier
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Kroetzmühle an der Esterau

Grützmühle, Mahlmühle und ein toter Ehemann

Etwa einen Kilometer oberhalb von Flinten entspringt die Ester au und durchfließt auf ihren nächsten Kilometern eine weiträumige Niederungslandschaft, die von kleinen Gehölzen und Wäldern durchbrochen wird. Etwa 8 Kilometer unterhalb von Flinten hat das Flüsschen immerhin schon so viel Kraft gesammelt, dass es für den Antrieb eines Mühlenrades reicht. Das sah man auch schon vor mehreren Hundert Jahren so, und legte hier, auf etwa halber Strecke zwischen Kroetze und Drohe, eine Wassermühle an.

Ein guter Standort
Für den Standort sprach nicht nur, dass die Esterau hier bereits eine gewisse Größe erreicht hatte. Hinzu kommt, dass sich von Norden und Süden zwei flache Grundmoränenplatten in die Niederung hereinschieben, sodass diese nur schmal ist. So findet sich hier ein trockener Baugrund direkt am Fluss, während der Platz zugleich auch gut mit Fuhrwerken zu erreichen war. Nicht umsonst überquert der Verbindungsweg von Drohe nach Kroetze an dieser Stelle die Flussniederung. Wann sich hier zum ersten Mal ein Mühlenrad im Fluss drehte, ist nicht bekannt. Eine Urkunde des Kloster Oldenstadt aus dem Jahr 1289 erwähnt zwar die wendische Ortschaft „Kroditze“ (Kroetze), nennt jedoch keine Mühle. Und der erste sichere Nachweis stammt erst aus dem Jahr 1550. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Mühle jedoch bereits, denn ein Andreas Valenberg erwarb die Anlage für 60 Gulden. 1833 gelangte die Mühle dann in den Besitz der Familie Müller, die bis heute Eigentümer des Mühlenhofes ist.

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Blick über den Mühlenteich zur Kroetzmühle (1996, Tilman Grottian)


Grütz- und Mahlmühle
1550, zum Zeitpunkt der ersten urkundlichen Erwähnung, war die Mühle lediglich eine Grützmühle. Hier wurde das Getreide also nur relativ grob zerkleinert, sodass man es für die Zubereitung von Brei oder für Einlagen in Suppen verwenden konnte. Doch 1580 erhielt die Mühle einen Mahlgang und konnte nun auch Schrot und Mehl zum Backen erzeugen. Mahl- und Grützgang wurden durch ein „unterschlächtiges“ Wasserrad angetrieben. Das Wasser der Esterau floss hier also in einem Gerinne unter dem Wasserrad hindurch, wo es auf die Schaufeln des Rades traf, diese dabei anschob und damit die Mechanik der Mühle in Bewegung setzte.

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Schematische Darstellung eines unterschlächtigen Wasserrades (Meyers Konversations-Lexikon, 1888)
Vom Wasserrad zur Turbine
Nachdem 1919 das damalige Mühlenrad vollständig abgängig geworden war, baute der Müller eine 8-PS-Turbine ein und führte in den folgenden Jahren eine Reihe weitere Modernisierungsmaßnahmen durch. So wurde auch das heutige Wohnhaus zu dieser Zeit erbaut (1925). Da das Wasser der Esterau nicht für einen fortlaufenden Betrieb der Mühle ausreichte, musste diese im „Schwallbetrieb“ arbeiten, wofür das Wasser des Mühlenteiches kontrolliert abgelassen wurde. War der Teich leer, musste wieder angestaut werden. In der Zwischenzeit übernahm ein 20-
kW-Elektromotor die Arbeit. Bis 1987 war die Mühle in Betrieb, dann wurde sie stillgelegt. Die gesamte Mühlentechnik ist jedoch erhalten geblieben, sodass sie noch heute praktisch betriebsbereit ist.

Zwangsheirat und ein toter Ehemann
In der mündlichen Überlieferung der Region ist die Kroetzmühle vor allem durch einen „Mühlenkrimi“ bekannt, der sich hier zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) abgespielt haben soll: Nach dem Tod des damaligen Müllers war die Mühlenstelle an seine Tochter gefallen. Das war nach lüneburgischem „Meyerrecht“ auch ohne Weiteres möglich: Waren keine Söhne vorhanden, konnte ein Hof – wie hier der Mühlenhof – auch an eine Tochter weitergegeben werden. Allerdings erforderten betriebliche Notwendigkeiten und gesellschaftliche Erwartungen, dass sich ein weiblicher Erbe so bald wie möglich einen (männlichen) Partner suchte. Diese Erwartung hegte offenbar auch der Amtmann des Amtes Bodenteich, zu dem die Mühle gehörte. Er drängte die junge Frau, den damaligen Verwalter der Mühle zu heiraten, was diese widerstrebend dann auch tat. Die junge Müllerin hatte jedoch einen Liebhaber, und dieses Verhältnis war in der Umgebung offenbar nicht ganz unbemerkt geblieben. Denn als nach eineinhalb Jahren der Ehemann ermordet wurde, geriet die junge Frau schnell in Verdacht. Sie wurde verhaftet, nach Oldenstadt gebracht und eingesperrt. Doch der – mutigen oder skrupellosen? – Frau gelang die Flucht, worauf sich ihre Spuren in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges verloren.

Ausflugsziel am Droher Holz
Von dieser düsteren Geschichte sollte sich aber niemand abschrecken lassen, der Kroetzmühle einen Besuch abzustatten. Mit ihrer Lage am Rand des Naturschutzgebietes Droher Holz, fernab der nächsten größeren Ortschaft, ist sie sicher eine der schönsten Siedlungsstellen in unserem Landkreis. Dazu liegt oberhalb der Mühle das NABU-Schutzgebiet Esterau-Niederung, durch das ein 4 Kilometer langer Wanderweg führt. Nach telefonischer Absprache führt Friedrich Müller interessierte Besucher gern durch seine Mühle und erklärt die vollständig erhaltene Mühlentechnik (Telefon: 05825/310).

Tilman Grottian