Wipperau-Kurier

Hochwasser und Hochwasserschutz in der Jeetzelniederung

200 Tage unter Wasser


Am 14. August 2002 besuchte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in Gummistiefeln das sächsische Grimma. Grimma liegt an der Mulde, einem Nebenfluss der Elbe, und war tags zuvor von einem der schwersten Hochwasser seit Menschengedenken heimgesucht worden. Schröders medienwirksamer Auftritt in der verwüsteten Stadt bescherte ihm damals vielleicht jene entscheidenden Stimmen, die ihm zu seinem hauchdünnen Wahlsieg bei der Bundestagswahl am 22. September 2002 verhelfen sollten.


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Langenhorst: Blick von der Straße von Groß Heide auf den Hof von Familie Lodders im April 1940


Die Hochwasserkatastrophe von 2002 ist in diesen Tagen 20 Jahre her. In unserer Region wird dieses Ereignis aber nicht wegen Schröders Gummistiefeln in Erinnerung bleiben. Denn die Fluten, die damals zahlreiche Flüsse in Mitteleuropa über die Ufer treten ließen, erreichten in den Folgetagen auch die niedersächsischen Elbkreise. Am 16. August wurde hier der Katastrophenalarm ausgelöst und schon am nächsten Tag stand die Altstadt von Hitzacker bis zu 1,50 Meter unter Wasser. Mit 14,98 Metern (über n. N.) erreichte die Elbe hier den höchsten bis dahin gemessenen Pegelstand.

„Jahrhunderthochwasser“
Das Hochwasser von 2002 war nicht das letzte, das die Menschen entlang der Elbe traf. Vergleichbare „Jahrhunderthochwasser“ ereigneten sich in den Jahren 2003, 2006, 2011 und 2013, wobei der Pegelstand von 2006 bei Hitzacker erstmals die 15-Meter-Marke überschritt. 2013 erreichte der Wasserstand sogar 15,56 Meter. Die „Jahrhunderthochwasser“ der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, welche Kräfte die sonst so friedliche Elbe entfalten kann und welche Gefahren uns mit der Erderwärmung drohen.
Doch Erfahrungen mit Hochwassern haben die Menschen zu beiden Seiten der Elbe machen müssen, seit sie hier siedeln. Aber während heute in der Regel nur das Land vor den Deichen überflutet wird, erreichten Elbhochwasser bis in die 1960er-Jahre hinein auch weite Teile des Wendlands – und hier vor allem die Jeetzelniederung.

Jährlich Überschwemmungen
Die Jeetzelniederung erstreckt sich auf eine Länge von über 20 Kilometern und ist bis zu 10 Kilometer breit. Wenn die Elbe Hochwasser führte, strömten die Wassermassen durch die Jeetzelmündung in dieses fast ebene Niederungsgebiet. Je höher die Pegelstände der Elbe, umso größer waren die überschwemmten Flächen. Zudem staute sich nun das Wasser der Jeetzel zurück und vergrößerte so das Überflutungsgebiet. Als die Hochwasser 1862 und 1895 fast die 15-Meter-Marke erreichten, standen über 110 Quadratkilometer unter Wasser.
Solche extremen Ereignisse waren zwar selten, zu Überschwemmungen kam es jedoch fast jährlich. Zählt man alle Hochwassertage zwischen 1860 und 1948 aus, ergibt sich ein jährlicher Schnitt von 109 Tagen, an denen die Jeetzel über die Ufer getreten war. In den Jahren 1926, 1927, 1940 und 1941 war die Niederung sogar mehr als 200 Tage (teilweise) überschwemmt.

Leben mit dem Wasser
Trotz dieser extremen Verhältnisse wussten die Menschen hier mit dem Wasser zu leben. So legten sie für ihre Siedlungen Wurten an, wie in Bückau, Grabau, Nienwedel und Klein Heide. Aber die langen Überflutungszeiten erschwerten die Landwirtschaft. Ackerflächen gab es ohnehin kaum, das Grünland war vernässt und Sommerhochwasser konnten ganze Heuernten vernichten.
Schon Ende des 18. Jahrhunderts kam es daher zu Überlegungen, die Jeetzel-Niederung vor Hochwasser zu schützen. Aber konkrete Pläne entstanden erst im späten 19. Jahrhundert. Diese hatten zunächst nur das Ziel, durch Teilbegradigungen die Eigenhochwasser der Jeetzel schneller abzuführen. Auch sollte der Fluss eingedeicht werden. Aber die Mühlenstaue in Lüchow und Dannenberg standen den Plänen vorerst im Wege. Außerdem hatte die Jeetzel-Schifffahrt zu dieser Zeit noch eine gewisse Bedeutung. Und schließlich waren auch die Landeigentümer nicht für die Finanzierung zu gewinnen.

Erste Regulierungen
Erst als der Staat Anfang des 20. Jahrhunderts großzügige Finanzhilfen zur Verfügung stellte, konnten erstmals umfangreiche Regulierungsmaßnahmen durchgeführt werden: So wurden die Mühlenstaue beseitigt und die Dannenberger Mühlenjeetzel als Umfluter ausgebaut. Zudem sorgten Begradigungen für einen zügigen Ablauf des Jeetzelwassers. Diese Maßnahmen wurden vor und nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) umgesetzt und 1936 abgeschlossen. Eine Bedeichung erfolgte auf Wunsch der Anlieger noch nicht. Führte die Elbe Hochwasser, konnte die Jeetzel-Niederung weiter überflutet werden.

Die große Jeetzelregulierung
Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) ging man auch dieses Problem mit einem Projekt an, das die Jeetzelniederung von Grund auf verändern sollte. Zentrale Maßnahme war der Bau eines eingedeichten Kanals, mit dem die Jeetzel zwischen Lüchow und Dannenberg ein völlig neues Flussbett erhielt. Die „Alte Jeetzel“ blieb hier zwar erhalten, erhielt aber nur noch ein Mindestmaß an Wasser. Bei Soven wurde der Fluss mit einem Düker unter der „Neuen Jeetzel“ hindurchgeführt. Außerdem wurden die Seitengewässer wie der Jamelner Mühlenbach und der Lucie-Kanal eingedeicht. Die Kosten für dieses Projekt beliefen sich auf rund 30 Millionen Mark.
Vor 70 Jahren, 1952, wurde die große Jeetzelregulierung in Angriff genommen. Mehr als 20 Jahre brauchte man, bis sie 1973 abgeschlossen war. Schon im Folgejahr mussten die Jeetzeldeiche ihre erste Bewährungsprobe bestehen: Das Winterhochwasser 1974 hätte ohne Bedeichung mehr als 7000 Hektar überflutet, so setzte es nur noch die weiterhin offene Niederung zwischen Hitzacker und Dannenberg unter Wasser.

Hochwasserschutz für Hitzacker
Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb Hitzacker eine „offene“ Stadt, wie die Hochwasser von 2002 und 2006 zeigten. Doch bei der Flut im Frühjahr 2006 war der Hochwasserschutz der Stadt bereits im Bau und konnte zwei Jahre später im Wesentlichen abgeschlossen werden. Er umfasste eine fast einen Kilometer lange und 1,20 Meter hohe Schutzwand, die bei Bedarf auf 2,70 Meter erhöht werden kann, ein Siel sowie eines der leistungsstärksten Schöpfwerke Niedersachsens. Die Gesamtbaukosten betrugen mehr als 70 Millionen Euro.

Nutzen und Kosten
Die Jeetzelregulierung ist wahrscheinlich das letzte Projekt dieser Art und Größenordnung, das in Norddeutschland umgesetzt wurde. Es stand noch ganz im Geist des Landausbaus, der die Wasserwirtschaft spätestens seit der Kultivierung des Havelländischen Luchs unter Friedrich Wilhelm I (1688–1740) geprägt hatte. Zudem waren die Notjahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch in frischer Erinnerung. Fragen des Naturschutzes spielten daher kaum eine Rolle. Und tatsächlich waren die unmittelbaren volkswirtschaftlichen Vorteile groß: Landwirtschaftliche Flächen konnten nun intensiv bewirtschaftet und sogar zu Ackerland umgebrochen werden. Erst jetzt konnte Dannenberg Wohn- und Gewerbegebiete außerhalb des schmalen Geestausläufers ausweisen, auf den sich die Stadt bis dahin beschränken musste.
Dennoch würde man heute ein solches Vorhaben wohl kaum noch in dieser Form umsetzen. Heute, da es darum geht, Flüssen wieder mehr Raum zu geben und Feuchtgebiete als CO2-Senken und Biotope zu erhalten, würde man ein so großes Niederungsgebiet nicht mehr ohne Weiteres volkswirtschaftlichen Zielen „opfern“. Wie aber Hochwasser- und Naturschutz miteinander verbunden werden können, ist eine Frage, die nicht nur der Wasserbau, sondern letztlich die Gesellschaft beantworten muss.
tg


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Sommerhochwasser 1954 während der Arbeiten am Jeetzelkanal
Fotos: Wendland-Archiv