Wipperau-Kurier
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Uelzen an der Wipperau

Die „Wiege“ Uelzens liegt im Ostkreis

750 Jahre Stadtgeschichte – dieses Jubiläum stand im Dezember 2020 für Uelzen an. Gefeiert werden konnte das Stadtrecht, das auf Herzog Johann zurückgeht, nicht, aber der Wipperau-Kurier nimmt das Jubiläum zum Anlass, Uelzen Ursprünge aufzudecken.

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Das Gudestor, der „Haupteingang“ Uelzens, nach dem Merianstich von 1654, der das Stadtbild Uelzens vor dem Brand von 1646 wiedergibt, auf einer Zeichnung von Wilhelm Thiermann. Bild: Heimatkalender 1971


Am 13. Dezember 1270 erhielt das erst wenige Jahre zuvor gegründete Städtchen „Leowen‧wolde“ – das spätere Uelzen – vom Lüneburger Herzog Johann das Stadtrecht verliehen. Damit konnte die Stadt 2020 auf eine 750-jährige Stadtgeschichte zurückblicken. Das sollte bekanntlich mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm gefeiert werden, doch, wie wir wissen, hat die Corona-Pandemie einen dicken Strich durch die Jubiläumspläne gemacht. Die meisten Veranstaltungen wurden abgesagt oder ins Internet verlegt, sodass das Stadtjubiläumsjahr von vielen fast unbemerkt über die Bühne ging. Umso mehr ein Grund, zu Beginn des Jahres 2021 einen Blick zurück auf die Zeit der Uelzener Stadtgründung zu werfen und zu fragen, welche Bedeutung die Stadt insbesondere für den Osten des Kreises Uelzen hatte.

Einheit von Landschafts- und Verwaltungsgrenzen

Der Kreis Uelzen ist eines der seltenen Beispiele dafür, dass die Grenzen einer Verwaltungseinheit mit denen einer naturräumlichen Landschaft übereinstimmen. Im Fall Uelzens ist dies das „Uelzener Becken“, das fast kreisförmig von Endmoränenzügen umschlossen wird. Uelzen liegt fast im mathematischen Mittelpunkt dieses Kreises, weshalb die Vermutung naheliegt, die Stadt sei seit ihrer Gründung bereits der zentrale Ort für die gesamte Region gewesen.
Allerdings wurde die Stadt erst mit Einführung der preußischen Kreisordnung 1885 zur „Hauptstadt“ des neu gebildeten Kreises Uelzen. In den Jahrhunderten zuvor erstreckte sich ihr Einfluss keineswegs gleichmäßig über alle Teile des Uelzener Beckens. Tatsächlich waren die Beziehungen der Stadt vor allem mit den Orten im Osten und Südosten des Uelzener Beckens besonders intensiv. Und auch die „Wiege“ Uelzens liegt nicht an der Ilmenau, sondern an einem anderen Fluss – der Wipperau.

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Uelzen im 18. Jahrhundert: Deutlich zu sehen, wie im Osten der Stadt eine Vielzahl von Wegen vor allem ins südöstliche Umland führt. Dagegen verlässt unmittelbar im Westen kein Weg die Stadt. Bild: Kurhannoversche Landesaufnahme von 1775


Eine Klostersiedlung und die Grafen von Schwerin

Hier, im heutigen Oldenstadt, gründete der Verdener Bischof Brun 973/974 ein Kloster. „Oldenstadt“ hieß damals „Ullessen“ und war Hauptort der „terra ullessen“, des „Landes Ullessen“, in dem sowohl der Verdener Bischof als auch die Grafen von Schwerin über umfangreichen Besitz verfügten. In unmittelbarer Nähe des Klosters entstand schon bald eine Siedlung, die um 1250 stadtähnliche Züge entwickelt hatte und sich nun von den Rechtsansprüchen des Klosters lösen wollte.
Zu dieser Zeit waren die Grafen von Schwerin bestrebt, ihren Einfluss auch westlich der Ilmenau zu festigen. Daher boten sie den unzufriedenen Bürgern der Klostersiedlung um 1265 einen neuen Siedlungsplatz in unmittelbarer
Nähe an. Und diese ergriffen die Gelegenheit und gründeten am Westufer der Ilmenau einen neuen Ort, für den sich schnell der Name „Ullessen“ durchsetzte, der sich im Laufe der Zeit zum uns bekannten „Uelzen“ abschliff.
Das ursprüngliche „Ullessen“ hingegen wurde zur „Alten Stadt“, sprich Oldenstadt.

Verankerung im Südosten

Schon das Kloster Oldenstadt hatte vor allem Besitz im Osten und Südosten des Uelzener Beckens erhalten. Und auch die Händler der Klostersiedlung bezogen ihre Handelswaren – insbesondere Flachs und Wolle – vor allem ‧entlang dieser klösterlichen Beziehungsstrukturen. Wegen der geringen räumlichen Distanz konnten sie die Handelsbeziehungen zu ihren bäuerlichen Lieferanten ohne Weiteres an ihrem neuen Wohnort aufrechterhalten. Und es waren auch die Dörfer im Süden und Osten ihrer Stadt, in denen sie später ihr Geld durch den Erwerb von Land und Zinsrechten anlegten.
Interessanterweise kamen auch die Uelzener Neubürger bis ins 14. Jahrhundert hinein vor allem aus diesem Bereich des Uelzener Beckens, der sich auch weitgehend mit dem Uelzener Probsteibezirk deckte. Damit gingen die Stadt-Land-Beziehungen dieser Region weit über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus und umfassten neben wirtschaftlichen auch kirchliche und verwandtschaft‧liche Aspekte.

Spuren im Wegesystem

Dieses Beziehungsgeflecht spiegelte sich auch im Wegesystem wider. So war das Gudestor im Osten das Haupttor der Stadt. Und schon kurz hinter dem Tor verzweigte sich der Weg fächerförmig in Richtung Südosten: Je ein Weg führte nach Oldenstadt, Groß Liedern und Lehmke, weitere führten nach Bodenteich, Niendorf und Hambrock. Noch heute zeugen die vom Hammersteinplatz abzweigenden Straßen von dieser historischen Ausrichtung der Stadt. Und bezeichnenderweise besaß die Uelzener Stadtbefestigung im Westen kein Tor. Erst mit Eröffnung der Bahnlinie Lehrte-Harburg 1847 öffnete sich die Stadt auch nach Westen zur heutigen Bahnhofstraße.

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Hier liegt die „Geburtsstätte“ Uelzens: Blick über das alte Oldenstadt nach einer Zeichnung von Gustav Bandmann. Bild: Heimatkalender 1950


Konkurrierende Zentren

Neben der Vorgeschichte als Klostersiedlung des Klosters Oldenstadt gab es aber auch noch weitere Gründe für die räumliche Orientierung der Stadt. Denn zur Zeit der Stadtgründung waren bereits weite Gebiete der Region durch andere Akteure „besetzt“. So dominierte das 1160 gegründete Kloster Ebstorf den Westen der Region, während im Norden der Marktort Bevensen und das 1336 gegründete Kloster Medingen wichtige Zentren waren. Und natürlich reichte der Einfluss ‧Lüneburgs von Norden weit in die Beckenregion hinein.

Kreis-Identität?

Ist Uelzen heute, 136 Jahre nach Gründung des Landkreises, auch zum „gefühlten“ Zentrum des gesamten Landkreises geworden, gibt es mithin eine „Kreis-Uelzen-Identität“? Schließlich ist ja bekannt, dass man sich in und um Bienenbüttel gerne nach Lüneburg orientiert, während man in Lintzel, Eimke und Wriedel zum Einkauf schon mal nach Munster fährt. Und schließlich verbindet die Region um Suhlendorf ein historisch gewachsenes Verbundenheitsgefühl mit dem Raum um Clenze und der Schweinemark. (Wipperau-Kurier 3–4/2020). Dennoch kann man bezweifeln, ob die Auflösung beziehungsweise Fusion des Kreises mit anderen Landkreisen eine gute Idee wäre. Denn schaut man auf den benachbarten Heidekreis – 1977 aus den Kreisen Soltau und Fallingbostel gebildet – oder die 2011 gebildeten Riesenkreise in Mecklenburg-Vorpommern, besticht der Kreis Uelzen doch durch seine landschaftliche Geschlossenheit und seine überschaubaren Verwaltungsstrukturen.
tg


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