Wipperau-Kurier

Geschichte des Obstanbaus im Landkreis Uelzen

Obstbau zur Mehrung des Volksvermögens


Bei Masendorf und Oetzmühle, zwischen Lehmke und Mehre, Emern und Wieren sowie auf manch anderen Wegen kann man sie noch finden: Obstbaumalleen, die uns im Frühjahr mit ihrer Blütenpracht und im Herbst mit alten Apfelsorten erfreuen. Obwohl die Bestände nicht mehr groß sind, erinnern sie doch an eine Zeit, als der Obstbau in unserer Region eine weitaus größere Bedeutung hatte als heute.

Ursprünglich spielte der Obstbau in der Lüneburger Heide kaum eine Rolle. Das änderte sich erst, als im 19. Jahrhundert die Modernisierung der Landwirtschaft einsetzte. Treibende Kraft dabei war in unserer Region der „Land- und Forstwirtschaftliche Provinzialverein für das Fürstentum Lüneburg“. Er propagierte unter anderem auch die Anlage von Obstgärten und unterstützte Obstpflanzungen seit 1880 auch finanziell. Das Pflanzgut dafür stammte zu dieser Zeit aus Baum‧schulen in Masendorf, Wrestedt, Holdenstedt, Suderburg und Schatensen.

Zwei Landräte für den Obstbau

Dennoch blieben die Fortschritte im Obstbau bis in die 1880er-Jahre gering. Das änderte sich erst mit Walter von Tschoppe (1856– 1917), der von 1885 bis 1897 Landrat im Kreis Uelzen war. Tschoppe erwirkte beim Kreistag einen Etat für die Förderung des Obstanbaus, aus dem unter anderem die Ausbildung von Baumwärtern finanziert wurde.
1890 stellte der Kreis zudem einen Kreisobstgärtner ein, der sich unter anderem um die Pflege und Pflanzung von Obstbäumen entlang der Chausseen und Gemeindeverbindungswege kümmerte und seit 1892 Obstbau an der Georgsanstalt in Ebstorf unterrichtete.
Auch sein Nachfolger, Karl Albrecht (1864–1963), der bis 1929 Landrat im Kreis Uelzen war, setzte die Förderung des Obstanbaus fort. Wie wichtig ihm dieses Anliegen war, wird daraus ‧ersichtlich, dass er auf die Gemeinden einen „leichten Druck“ ausübte, wenn sie finanzielle Beihilfen für den Ausbau ihrer Wege beantragten: Zuschüsse gab es nur, wenn sie an den Wegen auch Obstbäume pflanzten.

Staatliche Förderung

So wurden bis 1903 im Kreis über 38.000 Obstbäume gepflanzt – an Wegen, Straßen und Obstgärten. Und als der Kreis von 1904 bis 1910 einen staatlichen Zuschuss von jährlich 6000 Mark für die Förderung des Obstbaus erhielt, wurden noch einmal 50.000 Obstbäume gepflanzt.
Die Förderung des Obstbaus war kein Uelzener Sonderweg. In der gesamten Provinz Hannover (zu der auch der Kreis Uelzen gehörte) wurde der Obstbau vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) erheblich ausgeweitet. Dahinter steckte eine volkswirtschaftliche Denkweise, die darauf ausgerichtet war, landeseigenen Potenziale möglichst maximal zu nutzen.
Da der heimische Markt zu dieser Zeit noch nicht mit billigem Importobst konkurrieren musste, rechnete sich diese Strategie.
So stellte die „Königliche Landwirtschaftsgesellschaft“ 1914 fest:
„Gemeinde-Obstpflanzungen […] tragen sicher mit zur Stärkung und Mehrung des Volksvermögens bei.“
Und auch die Obstbaumpflanzung an Wegen und Straßen zahlte sich aus: Zwischen 1876 und 1908 steigerte die preußische Landesstraßenbauverwaltung ihre Einnahmen aus dem Verkauf von Obst von rund 73.000 Mark auf na‧hezu 199.000 Mark im Jahr 1907.
Und auch der Landkreis Uelzen verbesserte den Erlös aus seinen Obstalleen von 600 Mark im Jahr 1890 auf rund 7000 Mark im Jahr 1911.

Verwertung und Vermarktung

Mit der Ausweitung des Obstbaus entstanden auch entsprechende Vermarktungsstrukturen.
So gründeten lokale Obstanbauer 1897 eine Obstverwertungsgenossenschaft, die unter anderem den An- und Verkauf ganzer Ernten übernahm. Zugleich beteiligten sich Uelzener Produzenten an Obstausstellungen in Hannover, in Bremen und Hamburg. Parallel übernahm der 1895 gegründete Obstbauverein die Produktion von Most und Apfelwein.
Auch die Herstellung von Dörrobst nahm man nun in Angriff: 1891 schaffte der Landkreis einen Dörrapparat an, der nach Zwischenstationen in Suderburg und Ebstorf schließlich im Verwaltungstrakt des St.-Viti-Stifts untergebracht wurde. Hier entstand drei Jahre später eine Obstverwertungsstation mit insgesamt drei Dörrapparaten. Allerdings erwies sich der Betrieb der Station als unrentabel, sodass sie vermutlich schon vor dem Ersten Weltkrieg aufgegeben wurde.

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Plakat traditioneller Obstsorten.
Grafik: „Das praktische Gartenbuch“, 1960

Langsamer Niedergang

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 kam die Förderung des Obstanbaus mehr oder weniger zum Erliegen und wurde auch nach Ende des Krieges 1918 nicht mehr mit vergleichbarer Anstrengung fort‧gesetzt – nicht zuletzt, weil nunmehr zunehmend Obstimporte aus Ost- und Südeuropa auf den Markt drängten. Dennoch wurden die Straßen und Wege unseres Kreises auch nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) noch auf weiten Strecken von Obstbäumen gesäumt.
Auch in einigen Ortschaften betrieb man den Obstbau zu dieser Zeit noch relativ intensiv. Ins Auge fällt das Gebiet um Bodenteich, in dem um 1947 über 50 Hektar Obstanlagen bewirtschaftet wurden. Weitere Schwerpunkte bildeten die Umgebungen von Uelzen und Bevensen. Im Ostkreis fällt vor allem ein Cluster in den Gemeinden Groß Thondorf und Himbergen auf, während im zentralen Ostkreis immerhin 5 Hektar Obstanlagen in der Gemeinde Rassau bewirtschaftet wurden.
Dennoch stellte Martin Schwind 1949 fest, dass das gesamte Kreisgebiet zwar für eine „Intensivierung [des Obstbaus] durchaus geeignet ist“, der Kreis insgesamt aber „das Bild einer nicht zu Ende geführten Entwicklung“ biete.
Seitdem sind über 70 Jahre vergangen, in denen der hiesige Obstanbau weiter an Bedeutung verloren hat. Zwar erleben wir seit einigen Jahren ein steigendes Interesse an alten, regionalen Obstsorten wie dem Celler Dickstiel, dem Uelzener Ramour oder dem Uelzener Kalvill – aber viele der noch erhaltenen Obstalleen befinden sich in einem beklagenswerten Zustand.
Aber wir leben bekanntlich in einer Zeitenwende. Und wer weiß denn, ob sich nicht auch die Zeiten billigen Importobstes dem Ende nähern und wir uns dann wieder unseren regionalen Obstsorten zuwenden werden. Bleibt zu hoffen, dass dies dann nicht aus purer Not, sondern aus bloßer Einsicht geschehen wird.
tg

Bild "Karte_Obstalnbauflaechen_Schwind.jpg"

Die Karte zeigt die Obstanbauflächen im Kreis Uelzen im Jahr 1946. Jeder schwarze Punkt steht für einen Hektar.
Grafik: „Der Landkreis Uelzen“ von martin Schwind, 1949