Wipperau-Kurier
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Ehemalige Mühlen-Standorte an der Wipperau

Die verschwundenen Wipperau-Mühlen

Die Wipperau durchzieht auf ihrem rund 35 Kilometer langen Lauf im großen Bogen die weite Grundmoränenlandschaft im Osten des Kreises Uelzen. Sie ist kein großer Fluss, aber eines der wenigen Fließgewässer im Osten des Landkreises, das zum Antrieb von Wassermühlen genutzt werden konnten. Und so waren einst nicht weniger als acht Mühlen an der Wipperau in Betrieb.

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Das Mühlengebäude der Oetzmühle (r.). Foto: Grottian


Alte Agrarlandschaft

Die Grundmoränenlandschaft im Osten des Uelzener Beckens ist eine alte Agrarlandschaft, deren Anfänge bis in die Jungsteinzeit vor rund 6000 Jahren zurückreichen. Landwirtschaft, das bedeutete vor Einführung der Kartoffel seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in erster Linie Getreideanbau. Aber wo Getreide angebaut wird, muss es auch zu Schrot und Mehl verarbeitet werden. Geschah dies in vor- und frühgeschichtlicher Zeit zunächst per Hand auf Reibesteinen und Handmühlen, so erledigten seit dem frühen Mittelalter zunehmend Wassermühlen diese Arbeit.
Wir wissen nicht, wann im Gebiet des heutigen Kreis Uelzen die ersten Wassermühlen errichtet wurden. Da es keine „Gründungsurkunden“ gibt, bleibt nur das Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung. Danach scheinen die meisten Mühlen im Kreisgebiet zwischen 1000 und 1300 n. Chr. erstmals erbaut worden zu sein. In dieser Zeit erlebte Europa eine Warmzeit – die Bevölkerung wuchs und der Getreideanbau wurde ausgedehnt. Folglich wuchs auch die Zahl der Wassermühlen.

Mühlenfluss Wipperau

Die Wipperau allerdings bot für den Antrieb von Wassermühlen keine optimalen Bedingungen. Zum einen weist sie von allen Flüssen des Landkreises das geringste Gefälle auf – von der Quelle bis zur Mündung sind es nur 28 Höhenmeter. Zu anderen ist sie relativ wasserarm, was sich ebenfalls negativ auf die Antriebskraft auswirkt.
Dennoch stand im Mittelalter rein rechnerisch alle vier bis fünf Kilometer eine Mühle an diesem Fluss – insgesamt acht Stück. Von diesen acht sind immerhin fünf bis in jüngere Zeit in Betrieb gewesen, wobei an allen fünf Standorten die Mühlengebäude erhalten geblieben sind. Aber was ist mit den übrigen drei Wipperau-Mühlen? Wo haben sie gestanden und was wissen wir über sie?

Die Göddenstedter Mühle

    
Rund zehn Kilometer unterhalb ihres Quellgebietes trieb die Wipperau in Göddenstedt ihre erste Mühle an. Erwähnt wird diese erstmals im 13. Jahrhundert, als sie auf der Lehnsrolle der Grafen von Schwerin auftaucht. Im 14. Jahrhundert gelangen Dorf und Mühle in den Besitz des Klosters Oldenstadt, das diese 1408 gegen andere Güter an die von Knesebeck eintauscht. Ein Jahrhundert später (1518) wird die Mühle dann an die von Estorff veräußert.
Vermutlich wird die geringe Antriebskraft der Wipperau ein Grund für die Aufgabe dieser Mühle gewesen sein. Wir wissen aber nicht, wann dies gewesen ist. Statt der Wassermühle wurde rund einen Kilometer südlich des Dorfes eine Windmühle errichtet, die vor 1970 zur Motormühle umgerüstet wurde. An ihrem Standort ist heute die „Elbland Bio-Mühle“ in Betrieb, die jährlich 20.000 Tonnen Getreide in Bio-Qualität verarbeitet.

Die Roscher Mühle


Rund fünf Kilometer unterhalb von Göddenstedt stand in der Niederung zwischen Rosche und Prielip die zweite Wipperau-Mühle. Erwähnt wird sie erstmals um 1200 als Besitz des Bistums Verden.
Periodischer Wassermangel führte auch hier zur Stilllegung der Mühle, allerdings erst im Jahr 1853. Ursprünglich hatte der Roscher Müller beabsichtigt, seine Wassermühle um eine Windmühle zu ergänzen. Auf diese Weise wollte er wasserarme Zeiten überbrücken. Allerdings hatten eine Reihe von Müllern gegen diesen Plan Einspruch erhoben, unter ihnen auch der Göddenstedter Gutsbesitzer von Bülow, dem auch die Göddenstedter Windmühle gehörte .
Erst wenige Jahre zuvor hatte von Bülow viel Geld in die Erneuerung seiner Mühle gesteckt. Aber würde sich diese Investition noch lohnen, wenn ein Müller in nächster Nachbarschaft die Möglichkeit hätte, Wasser- und Windkraft zu kombinieren? Nun, dazu kam es nicht: Der Roscher Müller musste schließlich seine Wassermühle stilllegen – allerdings gegen eine saftige Entschädigung. Stattdessen baute er eine Windmühle östlich von Prielip, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 –1945) in Betrieb war (siehe auch Wipperau-Kurier 1/2017).

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Die Wipperau-Mühle in Oldenstadt um 1900.Foto: Wilhelm Dreesen


Dörmter Mühle

Keine zwei Kilometer unterhalb der Neumühle bei Borg stand in Dörmte die dritte der „verschwundenen“ Wipperau-Mühlen. Erstmals 1362 erwähnt, gehörte sie zu dieser Zeit der Landadelsfamilie von Knesebeck, die sie 1408 gegen die Göddenstedter Mühle an das Kloster Oldenstadt eintauschte. Als das Kloster 1529 aufgelöst wurde, kam sie zum Amt Oldenstadt.
Bis wann die Dörmter Mühle existiert hat, konnte bis Redaktionsschluss nicht in Erfahrung gebracht werden. Als im Verfahren um die Roscher Mühle um 1853 die Kapazitäten der benachbarten Mühlen untersucht wurde, kam der Gutachter zum Ergebnis, dass die Dörmter – ebenso wie die Neumühle – nur über eine recht „schwache Mahlkraft“ verfügte.

Die Neumühle bei Borg – eine Ausnahme

Alle „verschwundenen“ Mühlen standen am Ober- und Mittellauf der Wipperau, wobei zwei der drei durch Windmühlen ersetzt wurden. Auf diesem Abschnitt der Wipperau blieb lediglich die Neumühle als Wassermühle bestehen. Aber hier gab es durch eine noch heute sichtbare Eindämmung eines Wiesenareals die Möglichkeit, die Wipperau aufzustauen und sich so von der aktuellen Wasserführung des Flusses unabhängiger zu machen.
Erst die Begradigung der Wipperau in den 1930er Jahren grub der Mühle das Wasser ab: Jetzt floss der Fluss rund 50 Meter entfernt an ihr vorbei und statt des Wassers trieb sie nun ein Elektromotor an.

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So ähnlich könnte die Roscher Wassermühle ausgesehen haben. Auch sie hatte seit etwa 1800 zwei Mühlräder. Hier handelt es sich allerdings um die Mühle in Holxen.Foto: Bildarchiv Museumsdorf Hösseringen


Mühlen und Pest

Obgleich alle Mühlen, von denen hier die Rede war, durch die geringe Antriebskraft der Wipperau beeinträchtigt gewesen sind, haben sie doch Jahrhunderte überlebt. Das ist nicht selbstverständlich. Denn vor dem großen „Mühlensterben“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es bereits ein „kleines Mühlensterben“ im späten Mittelalter. Vermutlich hing dieses „Sterben“ mit den Pestzügen zusammen, die seit 1350 die Bevölkerung in Norddeutschland um rund ein Fünftel dezimierten. Von den 56 Mühlen, die im Mittelalter im heutigen Kreisgebiet standen, wurden allein neun in der Mitte des 14. Jahrhunderts stillgelegt. Das betraf im Ostkreis unter anderem die Mühle in Emern. Die Wipperau-Mühlen jedoch blieben bestehen.
tg