Wipperau-Kurier
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Die Geschichte der Suhlendorfer Molkereigenossenschaft und ihrer Molkerei

Butter und Käse aus Suhlendorf


Das späte 19. Jahrhundert war in unserer Region die Zeit der Molkereigenossenschaften. Zwischen 1882 und 1918 entstanden allein im Kreis Uelzen 15 Genossenschaftsmolkereien – die meisten von ihnen im Osten des Krei‧gebietes (siehe Wipperau-Kurier 3/2014). Eine von ihnen war die Genossenschaftsmolkerei Suhlendorf.


Gründung im Gasthaus Holdmann

Am 12. Dezember 1892 kamen im Gasthaus Holdmann 58 Bauern aus Suhlendorf und den umliegenden Dörfern zusammen, um eine Molkereigenossenschaft zu gründen. Sie wählten einen Vorstand, dessen Vorsitzender der Gastwirt Holdmann wurde, sowie einen Aufsichtsrat, dem elf Genossen angehörten.
Vorsichtige Schätzungen hatten einen Kapitalbedarf von 35.000 Mark ergeben – doch trotz dieser beeindruckenden Summe konnte man schon im folgenden Frühjahr mit den Bauarbeiten beginnen. Und bereits am 1. Oktober 1893 nahm die Molkerei ihren Betrieb auf. Von Kölau bis Batensen, von Klein Ellenberg bis Növenthien und Dallahn im äußersten Nordwesten reichte das Einzugsgebiet der kleinen Molkerei.

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Gruppenbild mit Damen und Kindern vor der Molkerei: oben auf der Treppe Johannes Ehlers, Betriebsleiter von 1896 bis 1928, links neben ihm Martha Titke, die spätere Inhaberin des Kaufhauses Titke.
Foto: Heinz Lindemann, Suhlendorf


Schnelles Wachstum

Die 58 Genossen der Generalversammlung lieferten im ersten Jahr täglich rund 1500 Liter Milch ab. Doch bereits im Folgejahr hatte sich die Mitgliederzahl der Genossenschaft mehr als verdoppelt: 120 Bauern brachten nun täglich 3500 Liter Milch zur Molkerei. Bis 1903 waren es bereits 226 Mitglieder, die im Durchschnitt 7400 Liter pro Tag lieferten und dafür 8,7 Pfennige erhielten. Mit der steigenden Produktion stiegen die Ansprüche an die technische Ausstattung: Eine neue Erhitzungsanlage war 1905 fällig, ein Jahr später folgte eine neue Dampfmaschine und 1911 musste ein neuer Dampfkessel angeschafft werden.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918)

Mit den Männern, die seit dem 1. August 1914 als Soldaten an den Fronten kämpfen mussten, brachen in der Landwirtschaft die Arbeitskräfte weg. Zudem fehlte es an allen Ecken und Enden an Material und Rohstoffen. In der Folge sank auch die Milchleistung der Kühe. In Suhlendorf gingen die Tagesanlieferungen gegen Ende des Krieges auf 2000 Liter zurück. Dennoch erholte sich die Molkerei nach dem Krieg überraschend schnell: Schon 1920 wurde das Werksgelände um ein gegenüberliegendes Grundstück an der Güstauer Straße erweitert und das Betriebsgebäude umgebaut. 1929/30 erfolgte eine weitere Modernisierung.

Im „Reichsnährstand“

In der Zeit der Nazi-Diktatur (1933–1945) wurde das Molkereiwesen in den „Reichsnährstand“ (RNST) eingegliedert, mit dem Ziel, die Volkswirtschaft auf die Anforderungen einer künf‧tigen Kriegswirtschaft vorzubereiten. Trotz weitreichender Reglementierungen konnte die Molkereigenossenschaft ihre Einrichtung laufend instand halten und erneuern. Außerdem erweiterte sie 1938 ihr Betriebsgelände um ein Grundstück an der Salzwedeler Straße. Doch nun setzte der Kriegsausbruch dem weiteren Ausbau der Molkerei ein vorläufiges Ende.

Zwangsarbeiter

Die umfassenden Kriegsvorbereitungen der nationalsozialistischen Machthaber zahlten sich zunächst aus. Als Deutschland am 1. September 1939 mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) begann, blieb die Ernährungslage der eigenen Bevölkerung gut. Dennoch machten sich im weiteren Verlauf des Krieges Futtermangel und Maschinenverschleiß zunehmend bemerkbar. Zudem fehlten die männlichen Arbeitskräfte in den heimischen Betrieben.
Der NS-Staat versuchte, diese Lücke durch den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu schließen. Auch in der Molkerei und auf den Höfen der Genossenschaftsbauern arbeiteten während des Krieges zahlreiche Zwangsarbeiter.

Nachkriegsjahre

Der Niedergang der Kriegsjahre setzte sich auch nach dem Krieg zunächst noch fort. Dazu trug bei, dass mit der innerdeutschen Grenze ab 1945 ein wichtiger Absatzmarkt für Schichtkäse wegfiel, der bis dahin großenteils in die Altmark, nach Magdeburg und Berlin geliefert worden war.
Erst mit der Währungsreform 1948 ging es wieder aufwärts. Jetzt konnte auch die vor dem Krieg geplante Käserei an der Salzwedeler Straße errichtet werden. Bereits 1950/51 wurde der Betrieb ein weiteres Mal erweitert, dieses Mal an der Güstauer Straße um eine Kartoffeldämpfanlage, ein Kesselhaus, einen Laborraum und einen Verkaufs‧laden.

Milch, Butter und Schnittkäse

Wie bei den meisten Kleinmolkereien der Umgebung war auch die Produktpalette der Suhlendorfer Molkerei überschaubar. Im Mittelpunkt stand die Herstellung von Butter, für die der Suhlendorfer Genossenschaftsbetrieb mehrfach Auszeichnungen erhielt. Schichtkäse erweiterte seit 1938 die Produktpalette.
Nach dem Verlust des Absatzmarktes in der sowjetischen Besatzungszone stellte die Molkerei 1949 auf die Herstellung von Schnittkäse um. Tatsächlich war sie einer der ersten Betriebe, die in Niedersachsen das Markenrecht für Tilsiter Käse erhielten. Für ihren Tilsiter erhielt die Molkerei 1951 eine Auszeichnung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft.

Fusion mit Wieren

Als die Genossenschaft 1952 zu ihrem 60-jährigen Bestehen eine kleine Festschrift herausgab, konnte sie noch feststellen, dass die Entwicklung der Molkerei seit 1948 „steil bergauf“ gehe. Zu dieser Zeit rechnete man offenbar noch nicht mit dem schnellen Strukturwandel in Landwirtschaft und Molkereiwesen.
Die Zahl der Milchviehhalter ging zurück und dem zunehmende Modernisierungsdruck konnten vor allem kleinere Molkereien oft nicht mehr standhalten. Und so mussten zwischen 1963 und 1966 die Molkereien in Rosche, Suhlendorf, Soltendieck, Bodenteich und Lüder mit der Wierener Molkerei fusionieren. Doch trotz umfangreicher Investitionen musste auch die Wierener Molkerei 1980 die Milchverarbeitung einstellen. Von der siebzigjährigen Geschichte der Suhlendorfer Molkerei kündet noch heute das Betriebsgebäude von 1893.

tg


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Festlich geschmückter Umzugswagen der Molkerei, vermutlich auf einem Erster-Mai-Umzug in den 1930er-Jahren.
Foto: Walter Schröder, Suhlendorf