Wipperau-Kurier

Hanna Winter aus Uelzen

„Ich schäme mich als Europäerin“


Corona-Welle und Ukraine-Krieg dominieren die Berichterstattung, doch auf dem Mittelmeer wird weiter gestorben – es ist die tödlichste Fluchtroute der Welt. Hanna Winter aus Uelzen war auf dem Seenotrettungsschiff „Sea-Eye 4“ und rettete mit ihrer Crew innerhalb von 48 Stunden in sieben Einsätzen rund 800 Menschen vor dem Ertrinken.

In dicken, orangefarbenen Überlebensanzügen watscheln 16 Teilnehmende des Basic Safety Trainings über das Gelände der Rostocker Schifffahrtsschule. An diesem Januartag geht es bei vier Grad Wassertemperatur in die Ostsee – Seenot simulieren. Die Sicherheitsschulung richtet sich an alle Berufe auf See. Am Hafenbecken bin ich mit Hanna Winter verabredet.
Jemand winkt mir mit großen Drei-Finger-Fäustlingen zu. Nun erkenne ich sie. Auch Hanna steckt bis über den Kopf in einem ungelenken Neoprenanzug.
Hanna kommt nicht aus der Seefahrt. Sie wuchs in Uelzen auf und ist ausgebildete Hauswirtschaftliche Betriebsleiterin. Nach neun Jahren kündigte sie ihren Job in einem katholischen Bildungszentrum und wagte den Schritt in die humanitäre Arbeit. „Ich weiß noch genau, wie ich am Samstag meinen Büroschlüssel abgab und am Montag in Palermo war“, erzählt sie. Das war im August 2021. Zwei Missionen der Hilfsorganisation Sea-Eye e. V. begleitete sie als Köchin, um Flüchtenden in Not vor der Küste Libyens zu helfen.

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Hanna Winter ist in Uelzen aufgewachsen. Mittlerweile rettet sie Menschen in Seenot aus dem Mittelmeer.
Foto: Hugo Le Beller

Ihre zweite sechswöchige Fahrt war so dramatisch, dass die Tagesschau am 7. November 2021 darüber berichtete. Völlig überfüllt erreichte die „Sea-Eye 4“ mit rund 800 Überlebenden den Hafen von Trapani auf Sizilien. Offiziell ist das NGO-Schiff für 200 Personen ausgelegt. Zurück in Deutschland kärcherte sie tagelang die Terrasse ihrer Eltern. Auf dem Schiff wurde viel gekärchert. Zu Hause machte sie weiter. Drei Wochen brauchte die 31-Jährige, um wirklich zu realisieren, was passiert war.
„Und zieh, und zieh“, brüllen zwei Kursleiter vom Motorboot. Hanna steht auf dem Rand der falsch herum liegenden Rettungsinsel. Sie ist eine kleine, zierliche Frau. Der Anzug ist zu groß und hat undichte Stellen. Sie kämpft mit den Seilen, greift nach, nimmt all ihre Kraft zusammen. „Jawoll!“ Die Insel kippt.
Nach dem Kurs fahren wir ins Hostel. „In den 40 Stunden zuvor hatten wir sechs Einsätze. 397 Personen waren schon bei uns an Bord.“ Hanna berichtet von der Nacht auf den 4. November. „Wir hatten alle Hände voll zu tun. Die Menschen sitzen tagelang in Booten, sind dehydriert, leiden an Verbrennungen durch das Gemisch aus Benzin und Salzwasser und bekommen Panikattacken. Die Gesichter und das Elend der Menschen werde ich nie vergessen. Mit der zweiten Köchin bereitete ich die Mahlzeiten zu – meist Reis oder Couscous. Wir waren also schon mehr als überlastet, als die Meldung eines sinkenden doppelstöckigen Holz‧bootes hereinkam.“
Manchmal ringt Hanna nach Worten. Sie hat selbst einen Freund, der 2015 aus Syrien über die Seeroute nach Griechenland flüchtete. Beim ersten Versuch kenterte er. Glücklicherweise so nah an der Küste, dass er zurückschwimmen konnte.
„Latten brachen. Es knarrte furchtbar. Mir wurde bewusst, dass das die schlimmste Katastrophe meines Lebens werden könnte“, berichtet Hanna weiter. „Wasser drang ein. Ich merkte, wie ich selbst immer mehr in Panik verfiel. Ich fing an zu zittern und zu weinen. Bis heute ist mir nicht klar, wie ich es schaffte, mich wieder zu sammeln. Im völligen Chaos kamen in weniger als 20 Minuten weitere 450 Personen zu uns an Bord.“
„Wie schaffst du diese Arbeit?“, frage ich sie.
Hanna: „Nach dieser Nacht hatte ich Albträume. Heute kann ich aber sagen, dass es mir gut geht. Mir hilft mein Glaube sehr. Manchmal habe ich mich in den Kühlraum verkrochen. Sauber machen, Vorräte sortieren, Essen planen. Oder ich ging aufs Deck und schaute die Menschen an. Das Strahlen der Kinder gab mir wieder Kraft.“
Hanna berichtet von zwei kleinen Mädchen aus Eritrea, die eine flugunfähige Taube retteten, und einem Jungen aus Senegal, in dessen Dorf es seit zwei Jahren nicht geregnet hat. Geschichten aus Syrien, Mali, Bangladesch. Die Fluchtgründe sind vielfältig: Krieg, Beschneidung, Zwangs‧heirat, Arbeit, Klimawandel. Man müsse unterscheiden zwischen der Flucht aus dem Heimatland und der Flucht aus dem Transitland Libyen. Kommen die Menschen in Libyen an, würden sie oft gefoltert, erpresst, versklavt, Frauen vergewaltigt. „Den Menschen bleibt nur der Weg über das Mittelmeer, um vor den Verbrechen zu fliehen“, so Hanna.
„Ich weiß, es ist eine große Her‧ausforderung. Wir müssen aber dafür sorgen, dass Asylverfahren schnell, effektiv und fair werden. Aktuell verwandelt sich das Mittelmeer in ein Meer der Toten und wir tun so, als wäre uns das egal. Dafür schäme ich mich als Europäerin.“ In der Abschottungspolitik der EU samt Unterstützung der libyschen Küstenwache sieht Hanna einen moralischen Niedergang.
Mit dem neuen Safety-Zertifikat aus dem Kurs wird Hanna in diesem Jahr noch einmal auf Mission fahren. Auch plant sie Hilfs‧arbeit auf Lesbos. Das Wort „Aktivistin“ mag sie nicht. Für sie ist es normal, leidenden Menschen zu helfen.
Tage später treffe ich ihren Bruder. Auf der einen Seite passe die Schiffsarbeit gar nicht zu Hanna, sagt er mir. Sie sei ein „Hygienefreak“. Andererseits passe es total. Sie habe das größte und empathischste Herz, das er kenne. „Das Absurdeste war“, gesteht er, „dass ich genau zur selben Zeit mit meiner Freundin auf Malta im Urlaub war.“
Fenja Wiechel-Kramüller

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Der Verein Sea-Eye rettet in Seenot geratene Flüchtende aus dem Mittelmeer.
Foto: Nici Wegener